...
nicht 1537
oder nur 1530
auch 538 oder 38
oder acht wären
zuviel, genaugenommen:
undenkbar gewesen
1538! wären es doch
1537 gewesen,
oder 1536, es wäre
weniger katastrophal,
wenn auch nach wie vor
undenkbar
„1538“
las ich heute kaffeetrinkend
in der Süddeutschen Zeitung,
irgendwo ziemlich weit hinten
den Kaffee trank ich dann nicht mehr
manche Tage machen etwas wie
ein neues Jahr
das man nicht feiern möchte
erstaunlich: nach wie vor 2003
und Dienstag und alles
wie immer
auch wenn ich nun weiß
und immer wissen werde
dass am 29 August 1949
auf einem 38 Meter hohen Turm bei
Semipatalinsk in Kasachstan
die erste Nuklearexplosion ausgelöst wurde,
für welche man
„Atrappen von Häusern, Brücken, Panzern
und Flugzeugen aufgestellt hatte sowie
1538
Tiere
in Käfigen deponiert,
um die Zerstörung zu messen.“
deponiert
um zu messen
deponiert
deponiert
deponiert
deponiert
detoniert
eintausendfünfhundertachtunddreißigmal
wer hat sie deponiert
und wer entsorgt
zementiert in mein Gehirn
und nun in eure Hirne:
1538
deponiert detoniert gemessen
gemessen was?
Herzfrequenz bei Detonation?
Körpertemperatur während Zerstrahlung?
Volumen abgegebener Tierlaute in Dezibel?
Anzahl der Haare, die übrig blieben?
Gewicht der Asche in Milligramm?
aber auch
1538
waren zu wenig
für die Fröhliche Wissenschaft
deshalb ist heute zu lesen,
irgendwo ziemlich weit hinten:
„In vier Jahrzehnten sind hier
456
Nuklearexplosionen ausgelöst worden
und Dutzende
„Modell-Explosionen“ abgelaufen.“
das macht
siebenhunderteintausenddreihundertachtund-
zwanzig
plus mehrere Dutzend mal 1538, also
ungefähr
siebenhundertsechsundfünfzigtausensechs-
hundertsechsundneunzig
detonierter Tiere
Aber so genau zählt niemand nach.
Ich erwach und der Tag überfällt mich kalt und grau,
ich schau aus dem Fenster und ich weiß nicht mehr genau.
Ein Gefühl seltsam flau sagt mir "Du hast die Schnauze voll",
und dann bin ich still und weiß nicht, ob ich weitermachen soll.
Dann seh'n ich mich nach Frieden wie das letzte Hippieschwein,
und möcht mit dir allein auf einer schönen Insel sein.
Ich denk's mir nur und gehe lustlos auf die Straße,
häßlich dumme Fratzen, Blicke spitz das ich's nicht fasse.
Zieh'n an mir vorbei und mit ihnen dieser nasse, blasse
Dunst der Ignoranz den ich so hasse.
"Kämpferische Klasse" denk ich, ha, das war einmal,
zu wenig an der Zahl sind im Ansatz radikal.
Die Masse geht malochen und macht Kreuzchen bei der Wahl.
Ich weiß das erst der Hunger zum begreifen zwingt,
ich weiß auch eins, wer Scheiße frisst der stinkt.
Doch genau dieser Gestank ist manchmal unerträglich,
unsäglich deprimierend steigt er mir ins Gehirn.
Versucht mich zu verwirren, verdammt ich komm ins Wanken,
plötzlich pralln meine Gedanken schon nach kurzer Zeit
unerwartet auf die Schranken meiner Unzufriedenheit.
Und das zerrt an meinen Kräften und das zieht mich wie Blei auf den Grund wo sie mich haben wollen, doch das geht vorbei
Wie im Flug zieht im Zug die Zeit an mir vorbei.
Und ich beobachte 'n paar abgezockte Arschlöcher dabei,
wie sie lustvoll arrogant 'n armes Schwein fertigmachen.
Dumpfe Stärke dummer Narren lebt vom stummen Schrei der Schwachen.
Jeder kriecht hier sein Einzelposerweg,
spielt Minigangsterboss vor der lokalen Spielothek.
Handy in der Hand und tolles Chiemsee Jäckchen an,
üble Posersprüche "Hast du Probleme, lan?"
Probleme werd ich kriegen wenn das weiter so geschmiert
läuft für die Faschisten, doch dann seid ihr schon interniert.
Keiner hier kapiert, daß so'n Scheißverhalten
lediglich dazu führt, daß wir uns weiter spalten.
Ich piss auf euer Goldkettchen und eure teuren Wagen,
eure Dealer- und Zuhälterei, ich kann euch nur eins sagen:
Man will uns an den Kragen und gestellt sind schon die Weichen,
der Mob sitzt in den Startlöchern und wartet auf ein Zeichen.
Und der Start beginnt mit Leichen, macht euch keine Illusion,
schon 'ne kleine Vibration kann zur Eskalation führ'n.
Und die Führer lassen dann nicht auf sich warten,
und deshalb hab ich Angst, denn ich gehör' nicht zu den Harten
Und das zerrt an meinen Kräften und das zieht mich wie Blei auf den Grund wo sie mich haben wollen, doch das geht vorbei
Dieser Pfaffe hatte recht, die holen uns getrennt,
damit jeder den Protest für die Anderen verpennt.
Die Anderen nicht kennt und sich in Sicherheit wähnt.
Doch wenn der Sumpfnebel sich hebt ist bloß der Abgrund da der gähnt,
der uns lähmt, der uns zähmt, der uns diszipliniert.
Der die Stummen integriert und die Anderen interniert.
Und das passiert, ich spüre wie es friert um mich herum.
Hypnotisiert starrt die Masse ohne Klasse, wie dumm
treiben die Gedanken derer, die verdummt werden,
um inzinierte Täuschungen, und so trotten die Herden,
den Zischlern hinterher. Der kleine Mann, die kleine Frau
sucht sich für den Racheakt die nächste arme Sau.
Die herrschenden Ideen, sind sie nützlich? Wenn ja, wem?
Meist denen die hier herrschen, im herrschenden System.
Ist ein Problem ein Problem, frag wem ist es genehm,
wenn sich Kunze und Korkmaz als Konkurrenten sehn.
Verdummung verpflichtet, bestimmt das Wohlergehen,
Gewohnheitseffekt wie wohldosiertes Arsen.
Wenn sich die Hungerbäuche bläh'n blubbert die Moralmaschine,
murre nicht und stehle nicht, doch deinem Volke diene!
Und das zerrt an meinen Kräften und das zieht mich wie Blei auf den Grund wo sie mich haben wollen, doch das geht vorbei
Einem Mann namens Gerhard gefällt eine Frau namens Susanne. Er fragt sie, ob
sie ins Kino gehen will, sie sagt ja, und beide verbringen einen sehr
lustigen Abend.
Ein paar Tage später lädt er sie zum Abendessen ein, und sie haben wieder
viel Spaß. Fortan treffen Sie sich regelmäßig, und nach einiger Zeit trifft
sich keiner von beiden mit irgendjemand anders mehr.
Eines Abends, als sie nach Hause fahren, schießt ein Gedanke durch Susannes
Kopf, und, ohne richtig drüber nachzudenken, spricht sie ihn aus: "Ist Dir
klar, dass wir uns mit dem heutigen Abend seit genau 6 Monaten treffen?"
Stille.
Susanne kommt die Stille sehr laut vor. Sie denkt: "Oje, ob es ihn nervt,
dass ich das gesagt habe? Vielleicht fühlt er sich durch unsere Beziehung
eingeschränkt, oder er fühlt sich von mir in eine Pflichtrolle gedrängt"
Und Gerhard denkt sich: "Wow, 6 Monate."
Und Susanne denkt sich: "Moment, ich bin gar nicht sicher, ob ich so eine
Art Beziehung will. Manchmal hätte ich lieber mehr Freiraum, ich werde Zeit
brauchen, mir zu überlegen, ob ich so weiter machen will. Ich meine, wo
führt uns das hin? Wird es immer so weiter gehen, oder schreiten wir auf
eine Ehe zu?
Vielleicht sogar auf Kinder? Darauf, unser restliches Leben miteinander zu
verbringen? Bin ich bereit, diese Verpflichtung einzugehen?
Kenne ich diesen Menschen überhaupt?
Und Gerhard denkt sich: "Hm, das heißt, es war ... mal sehen ... Februar,
als wir anfingen, uns zu treffen, das war gleich nachdem ich das Auto beim
Service hatte, das heisst ... wie ist der Kilometerstand? Au weia! Die Karre
ist überfällig für einen Ölwechsel!"
Und Susanne denkt sich: "Er ist besorgt. Ich sehe es in seinem Gesicht.
Vielleicht war mir nicht ganz klar, wie er die Sache sieht. Vielleicht will
er mehr von unserer Beziehung, mehr Intimität, eine tiefere Bindung,
vielleicht hat er, sogar schon vor mir, gespürt, dass ich mich zu sehr
zurückhalte. Ja, das ist es. Deswegen spricht er so selten über seine
Gefühle. Er hat Angst, zurückgewiesen zu werden.".
Und Gerhard denkt sich: "Die sollen sich auf jeden Fall noch einmal das
Getriebe ansehen. Ist mir völlig egal, was diese Deppen sagen, die Schaltung
funktioniert noch immer nicht richtig. Und diesmal können sie es auch nicht
aufs kalte Wetter schieben. Wir haben 30 Grad, und das Ding hier schaltet
sich wie ein Lastwagen von der Müllabfuhr. Und ich habe diesen inkompetenten
Gaunern 1200 Mark bezahlt.
Und Susanne denkt sich: "Er ist sauer. Ich kanns ihm nicht übel nehmen, ich
wärs auch. Ich fühle mich so schuldig, ihm das anzutun, aber ich kann nichts
für meine Gefühle, ich bin einfach unsicher.
Und Gerhard denkt sich: "Wahrscheinlich werden sie sagen, es gibt nur 90
Tage Garantie, diese Säcke!"
Und Susanne denkt sich: "Wahrscheinlich bin ich viel zu idealistisch, und
warte auf einen Ritter auf einem weissen Pferd, während ich hier neben einem
superlieben Menschen sitze, einem Menschen, mit dem ich gern zusammen bin,
um den ich mich wirklich sorge und der sich wirklich um mich sorgt. Einem
Menschen, der wegen meiner selbstherrlichen Schulmädchenfantasien leiden
muss.
Und Gerhard denkt sich: "Garantie? Die reden von Garantie? Können sie haben,
ich nehme ihre Garantie und stecke sie ihnen in ..."
"Gerhard", sagt Susanne laut.
"Was?" sagt Gerhard erschrocken.
"Bitte quäl dich nicht so", sagt sie, während sich ihre Augen mit Tränen
füllen. "Vielleicht hätte ich niemals... Oh Gott, ich fühle mich so..."
(Sie verstummt, schluchzt).
"Was?" sagt Gerhard.
"Ich bin so dumm", schluchzt Susanne, "Ich meine, ich weiß, dass es nie
einen Ritter geben wird. Es ist so dumm. Weder einen Ritter noch ein Pferd."
"Es gibt kein Pferd?", fragt Gerhard.
"Du denkst auch, dass ich dumm bin, oder?", sagt Susanne.
"Nein!", sagt Gerhard, froh, endlich eine richtige Antwort zu haben.
"Die Sache ist die ... es ist einfach so ... ich brauche ein wenig Zeit",
sagt Susanne.
(Es entsteht eine 15sekündige Pause, in der Gerhard versucht, so schnell er
kann mit einer sicheren Antwort aufzuwarten. Endlich fällt ihm etwas ein,
das funktionieren sollte.)
"Ja", sagt er.
(Susanne, tief bewegt, berührt seine Hand) "Oh Gerhard, denkst du wirklich
so darüber?" fragt sie.
"Worüber?" fragt Gerhard.
"Über ein wenig mehr Zeit" sagt Susanne.
"Oh", sagt Gerhard, "Ja.".
(Susanne dreht sich zu ihm und sieht ihm tief in die Augen, wodurch er
schrecklich nervös darüber wird, was sie als nächstes sagen wird, besonders,
wenn darin ein Pferd vorkommen sollte. Endlich spricht sie.)
"Danke, Gerhard", sagt sie.
"Ich danke Dir!", sagt Gerhard
Dann bringt er sie nach Hause, wo sie sich auf ihr Bett legt, eine von
Konflikten geschüttelte, gequälte Seele, und bis in den Morgen weint.
Gerhard fährt nach Hause, holt sich eine Tüte Chips, dreht den Fernseher
auf, und wird schnell von der Wiederholung eines Tennismatchs zwischen zwei
Neuseeländern, von denen er noch nie was gehört hat, in den Bann gezogen.
Eine leise Stimme irgendwo in seinem Kopf sagt ihm, dass heute in dem Auto
höchstwahrscheinlich etwas wirklich wichtiges passiert ist, aber er ist
sicher, dass er niemals verstehen würde, was das war, also beschliesst er,
nicht weiter darüber nachzudenken.
Am nächsten Tag wird Susanne ihre beste Freundin anrufen, vielleicht sogar
noch eine, und mit ihr 6 Stunden lang über die ganze Sache reden. In
sorgfältiger Detailarbeit werden sie alles was sie sagte, und auch alles was
er sagte, analysieren, jedes Wort, jeden Ausdruck, jede Geste, um Nuancen in
der Bedeutung des gesagten zu finden, und um jede mögliche Variante
durchzugehen. Das ganze wird sich wochenlang, wenn nicht monatelang
hinziehen, ohne jemals in einer plausiblen Schlussfolgerung zu enden, aber
auch, ohne jemals langweilig zu werden.
Irgendwann während dieser Zeit wird Gerhard, während eines Squashmatches mit
einem Freund, der sie beide kennt, kurz innehalten und fragen: "Peter, hat
Susanne mal ein Pferd gehabt?".
Und das ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen.